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Von Krisen und Fehlern

Eine meiner wertvollsten Erfahrungen als Triathlet ist die: Bei einer Langdistanz kommt auf JEDEN Fall eine Krise, kommen mehrere Krisen (z.B. Leistungsabfälle, Krämpfe, Schmerzen, Dehydrierung, Radpannen, nicht eingehaltener Ernährungsplan, …). Das ist absolut sicher, trifft jeden. Es kommt ausschließlich darauf an, WIE ich damit umgehe. Ich kann Minuten- und Kilometerlang hadern („hätte ich nur…“, „so ein Mist…“, „der Andere könnte doch…“) – es wird mich nur Energie und Zeit kosten. Oder gar mein Problem verschlimmern. Meine einzige Chance ist, die Situation in diesem Moment ohne Umschweife anzunehmen und nach Änderungsmöglichkeiten zu suchen. Das funktioniert beeindruckend wie ein Mechanismus: Krise mit Hadern kostet Zeit, Krise mit Abhaken und Änderungen ermöglicht die Überwindung der Krise.

Im Fußball arbeiten Trainer mit ihren Teams daran, dass Umschalten von Defensive auf Offensive bzw. von Offensive auf Defensive zu verbessern. Teams, die in der Lage sind, nach Ballverlust blitzschnell (also ohne Hadern, gegenseitige Vorwürfe, Proteste in Richtung Schiedsrichter) sofort auf Defensive umschalten, wo jeder Spieler sich sofort auf seine defensiven Aufgaben fokussiert, werden erfolgreicher sein. Teams, deren Spieler nach Balleroberung jeder Spieler blitzartig in seine vorher abgestimmten offensive Aufgaben übernimmt, können im Angriff Überzahlsituationen erzwingen oder Räume schaffen.

Daraus ließe sich m.E. einiges lernen für den Umgang mit unerwünschten Situationen im Arbeitsalltag.

Rulebreaking

Thomas Tuchel spricht über den Weg von Mainz 05, der mit der Selbsteinschätzung absoluter Unterlegenheit begann und zu einem Wetbewerbsvorteil führte durch Rulebraeking.

Thomas Tuchel, bis Mai 2014 Trainer von Mainz 05, spricht über seine Arbeit als Bundesliga-Trainer. Nicht nur für Fußballinteressierte lohnenswert anzusehen, denn er erzählt über Teammotivation, Vorgaben und Freiheitsgraden für Teammitglieder, Eingefahrene Denkmuster und wie neue Wettbewerbsvorteile entstehen, indem die alten Denkmuster identifiziert und aufgegeben werden.

Zum Video (Länge: 27 min) geht hier.

Jogi Löw und die Kapitänsfrage

Eine Frage bewegt die Nation der Bundestrainer: Wer ist der richtige Kapitän, Lahm oder Ballack? Und: Warum zögert Jogi Löw die Entscheidung hinaus, ist das ein Zeichen von Sturheit oder Entscheidungsschwäche?

Neben Meinungsäußerungen zahlreicher vermeintlicher und tatsächlicher Experten, war kürzlich im Handelsblatt eine durchaus fundierte Argumentation, basierend auf einer Befragung von Personalberatern zu lesen. Im Kern lief diese Argumentation darauf hinaus, dass die Zeit der autoritären Führung in der Nationalmannschaft mit der WM vorbei sei und – weil er genau diesen Führungsstil verkörpere – Ballacks Kapitänsära ebenfalls. (Der Artikel zum Nachlesen findet sich hier: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/strategie/kapitaens-debatte-personalberater-haetten-ballack-entmachtet;2646271).
Jogi Löw hat in den vergangenen Jahren mehrfach bewiesen, dass er ein ausgezeichneter Personal- und Organisationsentwickler ist. Bevor man ihn belehrt, sollte also die Frage stehen, was in dieser Situation von ihm zu lernen ist. Mir fallen dazu ein:

  1. Entscheidungen werden erst dann gefällt, wenn sich die zu lösende Frage tatsächlich stellt (hier in Gestalt eines wieder auf hohem Niveau spielenden Ballack), alles andere ist Ablenkung.
  2. Bevor eine Führungskraft nicht das Gegenteil bewiesen hat, sollte das Vertrauen stehen, dass diese durchaus in der Lage ist, sich neuen Situationen und Konstellationen anzupassen (was Ballack in der Vergangenheit ja durchaus bewiesen hat).
  3. Der Respekt vor dem Verletzungsdrama eines Sportlers (Ballack ist in einem Alter, in dem ein Comeback nach schwerer Verletzung äußerst schwierig ist) gebietet es, auf solcherart Entscheidungen zu verzichten.
  4. Es ist absurd, einerseits auf das Ende des autoritären Führungsstils zu verweisen, andererseits und gleichzeitig zu übersehen, dass Jogi Löw genau aus diesem Grunde der Kapitänsfrage nur noch eine untergeordnete Bedeutung beimisst.

Wie sähen unsere Medien und Organisationen aus, wenn wir ab sofort Andere weniger belehren, sondern mehr nach den Gründen Ihres Tun und Lassens forschen?

Die Leistungsfähigkeit von Teams ist volatil

Endlich ging sie wieder los: Die Bundesliga. Die vom Fußball meine ich. Da Teamcoaching mein berufliches Lieblingsthema ist, interessiert mich Fußball gleich doppelt, als Fan wie auch beruflich. Denn beim Fußball wie beim Teamcoaching geht es um Teams und ihre Leistung. Diese Leistung entsteht durch eine ganze Reihe von Faktoren, die auch noch in sehr komplexen Wechselwirkungen stehen. Einige dieser Faktoren betreffen Individuen und andere das ganze Team.

Faktoren, die eher die Individuen betreffen sind z.B. Schnelligkeit, Laktattoleranz, diverse Kraftfähigkeiten, Ausdauer, Bewegungskoordination, Zweikampfverhalten. Faktoren, die das Team betreffen sind z.B. aufeinander abgestimmte Laufwege für Defensive / Pressing / Offensive, Verhalten bei Standards, Wissen über und Einstellung auf den Gegner, Motivation, Kommunikation untereinander, Umgang mit ungünstigen Konstellationen (z.B. frühzeitiger Rückstand).

Zudem haben die Team-Faktoren gegenüber den individuellen eine wichtige Besonderheit: Sie sind sehr veränderlich (volatil), und zwar in alle Richtungen. Deshalb kann die Leistung eines Teams tageweise stark schwanken. Genau hier liegt ja auch die Ursache für solche Sensationen, wenn im DFB-Pokal niederklassige Teams überraschend gegen höherklassige gewinnen. Im Fußball steht es außer Frage, dass die Team-Faktoren intensiv trainiert werden.

Sucht man nach Parallelen zu Teams im Arbeitskontext, dann fällt mir gleich eine Asymmetrie auf: Für die Qualität der individuellen Faktoren wird viel getan in Form von Weiterbildungen zu Fachthemen, Führungsqualität, Präsentationstechnik, Zeitmanagement etc. Doch wie viel (oder wenig) Aufmerksamkeit und Aktivitäten gibt es, um die Team-Faktoren zu entwickeln?

Teamcoaching kann hier ein förderlicher Ansatz sein, denn damit lassen sich Kooperationsbereitschaft und Kooperationsfähigkeit stärken und von Lasten (Konflikten) befreien.

Vom 4:0 zum 4:4

Jogis Mannen haben gegen die Schweden 4:4 verloren. Das Wie ist symptomatisch für eine Entwicklung, die schon seit ca. einem Jahr zu beobachten ist. Auf phasenweise Stärke folgen unglaubliche Einbrüche. Die häufigste Reaktion (u.a. von den drei Honoratioren des FCB) ist: Führungsspieler müssen her. Die zweithäufigste, wenn auch noch nicht so offen artikulierte: der Trainer ist auszuwechseln.
Das Konzept der Führungsspieler funktioniert m.E. dort, wo das Leistungsgefälle im Team groß ist. Ausgeglichen besetzte Teams wie zuförderst Spanien und Barcelona – und die sind nun einmal die  Benchmarks - kommen ohne aus. Die Mär von heilbringenden Trainerwechseln ist statistisch längst widerlegt. Wer nachlesen mag, der kann gleich unter mehreren Statistikbüchern auswählen.

Ich glaube, dass die Ursachen viel tiefer liegen, so tief sogar, dass selbst nach Austausch von 15 Nationalspielern die diskutierten Symptome alsbald wieder auftauchen würden. Ich habe keine Antworten, aber ein paar systemisch angehauchte Fragen dazu:

  • Was hat eigentlich ein einzelner Spieler davon, bei absehbarem Sieg seine Leistung auf 80% herunter zu regeln?
  • Was hat der Spieler davon, sich in kritischen Spielphasen gegen Erfolgsversprechende aber rikante Spielzüge zu entscheiden?
  • Welche Rolle spielt die hohe Belastung von eng getakteten Bundesliga- und Champions-League-Spielen?
  • Wie wirken sich die Entwicklungen der letzten beiden Jahre in der Bundesliga, namentlich die verlorene Spitzenposition der Bayern und die neue Konkurrenz Bayern vs. Dortmund, auf den Teamgeist aus?
  • Welchen Einfluss auf die Spieler haben (ernstzunehmende) Kommentatoren und Boulevard-Journalisten, die jahrelang die „unglaubliche Qualität des jungen Teams“ besangen und Differenzierungen und Ambivalenzen gar nicht kennen zu schienen?
  • Statistisch nachgewiesen ist, dass Fußball-WM´s wie Olympiaden einem Land einen Euphorieschub geben, der einige wenige Jahre anhält. Könnte es sein, dass dieser Effekt aus 2006 schlichtweg aufgebraucht ist?

FC Bayern: Mehr desselben vs. Neuanfang

Die Bayern haben nun also alles verpasst… das Triple, das Double und am bittersten den Heimsieg im Champions-League-Finale. Jeder wohlmeinende Beobachter (zu denen ich mich zähle), ist gut beraten, den Bayern Zeit für Trauer und Analyse zu lassen (wollte ich auch). Die Verantwortlichen des FCB stellten jedoch umgehend klar: Die Bank ist zu schwach besetzt, über den Trainer wird nicht diskutiert, Punktum. Nicht gleich das Heil in einem Trainerwechsel zu suchen, macht sympathisch. Zumal Heynkes die seltene Fähigkeit der Divenintegration besitzt.

Die Ergänzung des Kaders mit guten Spielern, dürfte das Problem des FCB jedoch nicht nachhaltig ändern. Denn dies ist nur eine Form von „mehr desselben“, dh. ein altes Problem mit immer wieder denselben untauglichen Mitteln bewältigen zu wollen. Die Ursachen liegen viel tiefer, betreffen das System, dessen Erfolg sich eben gerade nicht als Summe der Qualitäten seiner Spieler ergibt. Relevant, und das zeigen gerade Teams wie Basel, Dortmund und Mönchengladbach, sind die Beziehungen zwischen den Systemelementen:
- eine klares Spielkonzept (bei Unternehmen nennt man das Mission), dessen Wirksamkeit nicht vom Ausfall einzelner Spieler abhängt
- die Fähigkeit, sich variabel auf das taktische System des Gegners einzustellen
- das von Intuition geprägt Zusammenspiel der Spieler.

Von einer solchen Denkweise ist der FCB weit entfernt. Das zeigt sich u.a. an Hoeneß´ rhetorischer Frage „Was kann ein Trainer dafür, dass der Spieler den Elfmeter an den Pfosten setzt?“. Für eine Analyse geeigneter sind Fragen wie: „Warum ist das Team zu einem schnellen Umschalten nach Balleroberung (welches Überzahlsituationen, freie Räume und Fehler des Gegners zwingen soll) schlichtweg nicht in der Lage?“ oder „ Weshalb agiert das Team, und insbesondere seine beiden Außenstürmer Ribery und Robben derart schematisch vorhersehbar, dass sich mittlerweile jeder halbwegs taktisch variable Gegner leicht darauf einstellt?“. Alle Probleme mit mangelhafter Qualität der Spieler (oder der Bank) zu begründen, ist eine Denkweise der Altvorderen. Unerklärlich ob der Tatsache, dass die Bayern mehrfach gegen Teams schlecht ausgesehen haben, die auf den Einzelpositionen weit weniger gut besetzt sind.

Ist eine Veränderung beim FCB möglich? Der DFB hat eine solche nach dem blamablen Ausscheiden bei der EM 2000 realisiert. Ein Beobachter meinte damals: „Ich habe im internationalen Vergleich die Entwicklung des deutschen Fußballs vorausgesehen. Die Spielweise war hilflos und deprimierend. Sie war nicht in der Lage aus der Defensive heraus, das Spiel aufzubauen. Mit dem heutigen Spiel ist der deutsche Fußball auf dem absoluten Tiefpunkt angekommen. Nun müssen weitgreifende Entscheidungen getroffen werde, um den deutschen Fußball wieder auf die Beine zu helfen.“ Der damalige Beobachter war: Jupp Heynkes.